Andreas Merzhäuser zeichnet ein neues Bild des berühmtesten deutschen Barockromans, das seine innovative ästhetische Leistung entschlossen ins Zentrum der Betrachtung rückt und seine fortdauernde Aktualität deutlich macht. Ob der »Simplicissimus« (erschienen 1668) mehr der alten oder der neuen Zeit zugehöre, ob die traditionellen oder die modernen Momente überwiegen, zählt seit der »Wiederentdeckung« des Romans in der Romantik zu den Grundfragen der Grimmelshausen-Rezeption. Andreas Merzhäuser nimmt in dieser alten Streitfrage eine neue Position ein, indem er sein Augenmerk auf das eigentümliche Erzählverfahren des »Simplicissimus« richtet und dessen Reflexionsprozess rekonstruiert. Es wird dabei deutlich, dass der »Simplicissimus« die Spannungen der epochalen Übergangszeit nicht bloss reproduziert, sondern selbst bereits eine innovative Antwort auf die Krise der Frühen Neuzeit bildet: die einer grenzgängerischen literarischen Selbstbehauptung, die gerade über der spannungsgeladenen Verschränkung von Altem und Neuem einen eigenen Standpunkt findet. Merzhäusers textgenaue Interpretationen zentraler Passagen und Episoden zeigen, wie Grimmelshausen in seinem »Simplicissimus« den satyrischen Roman aus den normativen Bindungen des poetisch-rhetorischen Systems löst und ihn zum privilegierten Ort einer ästhetischen Reflexion eigenen Rechts erhebt. Die Darstellung widmet sich unter anderem folgenden Aspekten: Der Darstellung von Krieg und Gewalt, der Ausbildung moderner Subjektivität im simplicianischen Erzählprozess, dem Verhältnis von Satyre und Roman, dem Zusammenhang von Autorkonstruktion und Werkstruktur in frühneuzeitlicher Literatur sowie der Stellung Grimmelshausens im Kontext der europäischen Literaturen der Frühen Neuzeit.
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